Die Löscharbeiten in der Neustädter Straße waren noch nicht beendet, als die Schleifen 1-7 auf Großfeuer alarmiert wurden. Aus dem ersten Stockwerke des ehemaligen Cafe Phönix in der Marktstraße, welches jetzt von dem Warenhaus Bodanski als Lagerhaus benutzt wird, schlugen helle Flammen. Die Rauchentwicklung war derart stark, daß an den dicken Rauchschwaden, welche über die Spremberger Straße zogen, das Feuer weithin zu erkennen war. Die Feuerwehr erschien bald, hatte aber mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Wie war das Feuer entstanden?
Im ersten Stockwerke, dem ehemaligen Cafe, lagern Emaillewaren, Decken usw. In den dort gelegenen Aborträumen war eine Leitung eingefroren, die ein Klempnerlehrling versuchte aufzutauen. Anscheinend ist nun die Benzinlampe explodiert, und die Stichflamme setzte einen Haufen Stroh, welcher als Verpackung der Emaillewaren diente, in Brand. Er lief in seiner Angst in das Geschäft von Bodanski und rief „Feuer”. Mehr konnte er in seiner Aufregung nicht herausbringen. Zwei Angestellte versuchten nun, mit einem Minimax das Feuer zu löschen, fanden den Raum aber stark verqualmt, so das ihr Beginnen zwecklos war. Das Feuer griff nun mit rasendes Geschwindigkeit um sich. Durch einen Luftschacht, welcher früher in dem Cafe als Speisenaufzeug diente, bekam das Feuer Luft und setzte das im dritten Stock gelegene Lager gleichfalls in Brand. Es dauerte nicht lange, so war das ganze Haus von oben bis unten ein Flammenmeer.Vereiste Hydranten erschweren die Löscharbeit.
Die Feuerwehr ging mit allen verfügbaren Mitteln an die Bekämpfung des Feuers. Leider zeigten sich hier ungeahnte Schwierigkeiten. Sämtliche Hydranten in der dortigen Gegend waren, trotz dem sie fast täglich kontrolliert werden vereist, so daß die erste Anlegestelle am Schloßkirchplatz erfolgte. Kaum war das SIgnal zum Wasser geben ertönt, als die Schläuche an mehreren Stellen platzten. Meterhohe Wassersäulen schossen empor, nur nicht ins Feuer, sondern manchmal die braven Feuerwehrleute von oben bis unten durchnässend. Es gelang aber dann doch, das Feuer wirksam zu bekämpfen.Menschenleben in Gefahr
Über dem Lager, in welchen der Brand ausgebrochen war, wohnt noch der frühere Ökonom des Ratskellers, Ernst Rieke mit seiner Familie. Ihnen war durch die rasende Ausdehnung des Feuers der Rückweg versperrt. Verzweifelt standen sie am Fenster ihrer Wohnung, auf Hilfe wartend. „Das Sprugtuch herbei!” erscholl es und im nächsten Augenblick war es zum Auffangen ausgebreitet. Jedoch nur der Mann wagte, da ihn infolge des Rauches die Kräfte verließen, den Sprung. Beim Sprung zog er sich am Balkon schwere Verletzungen zu. Er fiel dadurch nicht direkt auf das Tuch, und erlitt eine schwere Wirbelsäulenverstauchung, so daß er nach dem Krankenhause gebracht werden mußte. Da die Frau nicht herunterspringen wollte, versuchte der Wehrmann Luckner, sie über die große Leiter zu retten. Da sich die Frau aus Furcht aber weigerte und eine Stichflamme dem Wehrmann schwere Brandwunden beibrachte, mußte er den Rückweg antreten. Im nächsten Augenblick war ein anderer an seiner Stelle. Der Wehrmann Georg Jäntsch kam gerade zurecht, die besinnungslos zusammenbrechende Frau in seinen Armen aufzufangen und über die Leiter, die schon zu brennen angefangen hatte, in Sicherheit zu bringen. Auch sie wurde nach dem Krankenhaus gebracht.Die Bekämpfung des Feuers
Nachdem dann auch in der Marktstraße ein Hydrant frei gemacht worden war, wurden auch hier mehrere Schlauchleitungen angelegt und dem Feuer zu Leibe gegangen. Erst gegen 18 Uhr konnte der Oberführer dem Stadtrat Gehler, welcher als Dezernent der Feuerwehr lange an der Brandstelle weilte, melden, daß das feuer aus und jede Gefahr vorüber sei. Wie hoch der Schaden ist, dürfte sich vorläufig nicht übersehen lassen. Das ganze Haus bildet im Inneren einen Trümmerhaufen. Der Dachstuhl ist vollständig ausgebrannt. Die Wohnung von Rieke ist vom Feuer verschont geblieben, jedoch ist sie durch Wasser vollständig zerstört.Die Tätigkeit der Sanitätskolonne vom Roten Kreuz
Bei dem Feuer hatten die Mitglieder der Sanitätskolonne vom Roten Kreuz gleichfalls reichlich Arbeit. Viele der Wehrleut hatten sich Verletzungen usw. zugezogen, die von den Mannschaften verbunden wurden. Das Feuer hatte eine vielhundertköpfige Menschenmenge angelockt, die trotz der Kälte dem grausigen Schauspiel zusah. Der Straßenbahnverkehr wurde durch Umsteigen aufrechterhalten.Was lehrt uns der Brand?
Bei der Bekämpfung des Feuers sind nicht weniger als ein Dutzend Schlauchlängen geplatzt, diese fallen also vorläufig aus. Überdies sind die Schläuche vollständig naß und vereist.Wo sollen diese nun getrocknet werden?
Ein neuzeitlicher Trockenraum steht nicht zur Verfügung. Es werde noch eine ganze Anzahl Tage vergehen, ehe die Schläuche wieder gebrauchsfähig sind.
Dieser Fall sollte eine ernste Mahnung an die zuständigen Stellen sein, nicht erst Abhilfe zu schaffen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.
Wie weit dürfte es wohl zufällig sein, daß in einem Warenhaus noch Leute wohnen? Gesetz den fall, es wäre leicht brennbares Zeug in dem Lager aufgestapelt gewesen?
An die Rettung der Familie Rieke wäre in diesem Falle nicht zu denken gewesen.
Quelle: Originalabschrift - „Lausitzer Landeszeitung” No. 36 vom 12. Februar 1929
Bildquelle: Album von P. Klar


