Der Schloßbrand vom 23. August 1857
Originalabschrift „Cottbuser Anzeiger”
Bild: Ölgemälde von Carl Heinrich Vester
In der Nacht zum 24. August 1857 wütete in unserer Stadt ein furchtbarer Brand, der die Einwohnerschaft in Angst und Schrecken versetzte und die Löschmannschaften, die von nah und fern zur Hilfe herbeigeeilt waren, zu den größten Anstrengungen anspornte.
Die Erinnerung an gefährliche Brände in frühern Jahrhunderten, die mehrmals, so im Jahre 1600, dann 1672, 1672 und 1674, ungeheuren Schaden angerichtet und fast die ganze Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelt haben, wurde dabei wachgerufen.
Noch leben unter uns eine ganze Anzahl Personen, die sich dieser Schreckensnacht vor 50 Jahren genau entsinnen,
und auf Angaben solcher Augenzeugen, die uns in dankenswerter Weise gemacht worden sind, stützt sich der Bericht,
den wir nachstehend über diesen gefährlichen Brand zur Erinnerung an die glückliche Rettung unserer Stadt aus
größter Gefahr geben wollen.Der 23. August 1857 war ein Sonntag, den das Wetter besonders begünstig hatte. Fast ganz Cottbus war ausgeflogen. Erst in den Abendstunden kehrten die Ausflügler und Spaziergänger in ihre Wohnungen zurück. Es war gegen ½ 9 Uhr, nach der Angabe anderer etwas später, als sich aus der Umgebung der alten Schloßgebäude her der Ruf: "Feuer" vernehmen ließ. Mehrere Personen hatten einen verdächtigen Schein im südlichen Teil des Hauptgebäudes auf dem Schlossberge, das Fabrikzwecken diente, wahrgenommen. Die Feuerrufe hatten im Nu eine größere Menschenmenge auf die Beine gebracht, die nun dem Schlosse zustrebte.
Dort, wo jetzt die Predigerhäuser stehen, begrenzten hohe Pappeln einen Platz, den Amtsplatz. An die Westseite desselben stieß ein umfangreiches Gebäude, das Salzmagazin, das mit der Front an die Magazinstraße reichte. Daneben lag das Zeughaus (heute Bezirkskommando). Im Osten wurde der Amtsplatz von einem Teil des Schloßgebäude begrenzt. Auf der rechten Seite der zum Schloß führenden Auffahrt standen die jetzt abgetragenen Gebäude, die als Gerichtsgefängnis eingerichtet waren und in denen damals auch das Königliche Hauptsteueramt sein Heim hatte. Durch ein starkes Tor gelangte man in den eigentlichen Schlosshof. Wo heute das Landgerichtsgebäude steht, erhob sich damals das dreistöckige große Schloßgebäude. An dieses schloß sich im Norden in der Richtung von Osten nach Westen ein ebenfalls mehrstöckiges Gebäude an, die sogenannten Fürstensäle. Ein weitere Gebäudeteil, der den Schlosshof nach westen hin abschloß, reichte von den Fürstensälen bis zum Tor. Zwischen Schloßgebäude und dem Gefängnisgebäude befanden sich außer dem Kesselhaus für den Fabrikbetrieb noch einige kleinere Remisen und Schuppen.
Die Schloßgebäude waren baulich noch in gutem Zustande. König Friedrich Wilhelm IV. hatte sie dem englischen Industriellen James Cockerill überlassen, damit dieser hier eine Wollspinnerei in Betrieb setze. Gemäß den Vereinbarungen, die mit ihm getroffen waren, gingen die Gebäude nach einer Reihe von Jahren denn auch in den Besitz Cockerills über. Von ihm erwarb sie später der Gutsbesitzer Seydel, dessen Nachkommen jetzt auf Liebesitz bei Guben wohnen, und betrieb die Wollspinnerei weiter. Im Schloßgebäude standen 12 Satz Spinnereimaschinen mit sämtlichen Vorbereitungsmaschinen, wie Wölfe, Spulmaschinen u. s. w. In den Nebengebäuden waren die Spinnerei von Fritz Schramke mit 5 Satz und die Maschinenfabrik von Frickinger untergebracht. Mitten auf dem Schlosshof stand der schlanke hohe Wartturm (Amtsturm) der damals ein dem Turm der Oberkirche ähnliches Oberteil hatte und etwa 4 Meter höher als dieser war.
Als die auf die ersten Feuerrufe hin auf den Schloßhof zusammengeströmte Menge von dort aus keine Flammen wahrnahm, glaubte sie, dass es sich um blinden Lärm handelte, und begann sich zu zerstreuen. Aber von der Südseite, von der wenig belebten Straße "Hinter der Mühle" (Spreestraße) her ertönten jetzt gellende Feuerrufe. Von dort aus konnte man deutlich den Brand beobachten. In einem Raume an der Südostecke des Erdgeschosses der Fabrik war er ausgekommen.
Über die Ursache ist man sich nicht völlig einig geworden. Selbstentzündung des dort lagernden Wollansputzes oder die durch irgend einen Zufall entzündete, zum Trocknen aufgehängte Wolle mögen die Schuld an dem Brande getragen haben. Plötzlich durchzuckten Flammen den im Erdgeschoß gelegenen Maschinensaal und fraßen dann an den Holzteilen und Vorräten mit gieriger Hast weiter. In kurzer Zeit erfüllte sämtliche untere Fabrikgebäude hellste Feuersglut. Durch die Öffnungen für die Riemengetriebe griff der Brand in die oberen Stockwerke über, und nun stand der ganze Bau in Flammen. Mit großer Gewalt brach das Feuer durch das Dach und tauchte die ganze Stadt in einen blutroten Feuerschein, der in weitem Umkreise die Landbewohner auf das Ereignis aufmerksam machte und sie zur Hilfe herbeieilen ließ. In den Nachbarstädten Peitz, Forst, Spremberg u. a. ja sogar in Frankfurt a. O. bemerkte man das riesige Feuer.
Die öldurchtränkten Balken und Dielen der Fabrikgebäude und die leicht entzündlichen Vorräte der Spinnerei ließen die Flammen turmhoch auflodern. Wie mit gierigen Zungen umlohten sie den hohen Amtsturm, der aber noch längere Zeit standhielt. Der Wind kam aus Südost und trieb die Flammen nach der Stadt zu. Ein unaufhörlicher Funkenregen, darunter brennende Wollbüschel, ergoß sich in der Richtung nach Nordwest über die Stadt.
An ein Löschen des Brandes war bei den damaligen mangelhaften Feuerlöscheinrichtungen nicht zu denken. Auch hatte man nicht genügend Wasser zur Stelle. Der Brunnen, aus dem die Fabrik ihr Wasser entnahm, lag im Kellergeschoß des brennenden Gebäudes und ein anderer Brunnen auf dem Schloßhof wurde gerade erst angelegt. Auch wird berichtet, daß der Verwalter der Gebäude sich zur Zeit des Ausbruchs des Brandes im Kasino befand und erst herbeigeholt werden musste, um die Schlüssel herauszugeben. Die Löschmannschaften mussten sich damit begnügen, die am meisten gefährdeten benachbarten Gebäude zu schützen: das Gerichtsgefängnis, das Salzmagazin und das Zeughaus. Besonders gefährdet schienen die Gebäude der Sandowerstraße, deren zum großen Teil in schlechtem baulichen Zustande befindlichen Hintergebäude an die Magazinstraße stießen.
Der Amtsturm, der noch mit Holzschindeln eingedeckt war, konnte schließlich der furchtbaren Glut des Brandes nicht widerstehen. Einer riesigen Fackel gleichend loderte sein Dach plötzlich auf. Die brennenden Dachschindeln trug der Wind weit über die Stadt und nach der Vorstadt Brunschwig, ja bis vor Ströbitz hin vielen brennende Wollbüschel und glühende Kohlenstücke nieder, überall die Gebäude, namentlich die vielfach noch mit Stroh oder Rohr gedeckten Vorstadtgebäude gefährdend. In der Nähe des alten Ströbitzer Kirchhofs konnten sich, wie uns ein Augenzeuge berichtete, einige nach der Stadt eilende Personen an den zu Boden gefallenen Funken ihre Zigarren anzünden. Gleich einem Feuerstrom glitten die Funken und glimmenden Wollbüschel von dem hohen Dach der Oberkirche fast unaufhörlich herab, glücklicherweise ohne zu zünden.
Überall war man mit größter Wachsamkeit darauf bedacht, einen in der Stadt entstehenden Brand sofort zu unterdrücken. Mit Donnerkrachen stürzte inzwischen der Amtsturm zusammen und setzte durch seine brennende Gebälktrümmer den Schloßflügel, der die sogenannten Fürstensäle enthielt, und den nach Westen gelegenen Gebäudeteil in Flammen. Nunmehr war die Feuergefahr für die Stadt auf das Höchst gestiegen. Die auf dem Amtsplatz postierten Spritzen, die das Salzmagazin und das Zeughaus beschützen, mussten vor der noch stärker entfachten Feuersglut ihre Stellung räumen, und nun hoffte niemand mehr, daßdiese Gebäude und die Gebäude in der Magazin- und Sandowerstraße gehalten werden könnten.
Man verteilte die zahlreichen Spritzen, die zum teil aus weiter Entfernung herbeigeeilt waren, an den bedrohtesten Punkten der Stadt und arbeitete mit fast übermenschlicher Anstrengung, um nur nicht noch ein Feuer aufkommen zu lassen. Das gelang denn auch. Eines der alten Predigerhäuser, in dem Prediger Petrenz wohnte, begann am Giebel zu brennen, doch konnten die Flammen schnell erstickt werden. Auch noch an anderen Stellen hatten die Löschmannschaften durch schnelles Eingreifen guten Erfolg.
In den zumeist gefährdeten Häusern der Sandowerstraße und der Magazinstraße hatten schon vorher die Bewohner zum Teil ihre Habe auf Handwagen, Karren und großen Leiterwagen fortzuschaffen begonnen, um sie in Sicherheit zu bringen. Das Zeughaus war auf Anordnung der Militärbehörde geräumt worden und der Inhalt desselben zum größten Teil auf dem Marktplatz untergebracht. Die Flucht der Bewohner der Sandowerstraße wurde aber allgemein, als die Flammen nach dem Salzmagazin hinüberzüngelten und die Spritzen vom Amtsplatz vertrieben. Jammernd und händeringend raffte man schnell alle bewegliche Habe in große Bündel zusammen, um sie auf Leiterwagen nach dem benachbarten Sandow in Sicherheit zu bringen. Fenster und Türen wurden von vielen auch ausgehoben und mitgenommen, um sie bei einem Wiederaufbau zu verwerten. Eine Hoffnung auf Rettung der Gebäude der Sandowerstraße bestand nicht mehr.
Das Salzmagazin aber, ein umfangreiches, mehrer Stockwerke hohes Gebäude, in dem damals viele hundert Säcke Salz lagerten (der Salzverkauf war damals noch Staatsmonopol), blieb erhalten, trotzdem es zum teil Holzfachwerkbau war. Der Wind, der die Flammen bi dahin nach Nordwesten getrieben hatte, war unvermutet umgesprungen. Zunächst blies er aus Westen und schließlich aus Südsüdost, sodaß der Funkenregen anfangs über Sandow und dann in der Richtung nach dem Terrain des jetzigen Schlachthofs dahinzog, über Stadtteile, die noch wenig bebaut waren. Die Einwohnerschaft atmete dankerfüllt auf, sie war einer furchtbaren Gefahr glücklich entgangen.
In der Nr. 69 des Jahrgangs 1857 unseres Blattes des „Anzeiger für Cottbus und Umgebung” finden wir nachstehende den Brand betreffende Bekanntmachungen:
Bei dem Brandunglücke, welches am vergangenen Abende die hiesige Stadt betroffen hat, ist es der aufopfernden Tätigkeit des Schornsteinfegermeisters Knauff und den Spritzen-Mannschaften der Gemeinden Brunschwig, Sylow, Striesow und Dissen zu verdanken, daß das im höchsten Grade bedroht gewesene gerichtliche Gefängnisgebäude von dem Feuer verschont geblieben ist. Ich halte mich verpflichtet, solches hiermit öffentlich anzuerkennen.
Cottbus, den 24. August 1857
Der Königliche Kreisgerichtsdirektor
Hartmann
Bei dem Brande der Fabrik auf dem ehemaligen Amte war es notwendig, an die Räumung des Zeughauses zu gehen. Ein Theil Königlicher Effekten ist noch nicht zurückgeliefert. Jeder ordentliche Preuße wird aufgefordert, dem Unterzeichneten anzuzeigen, wenn im der Verbleib solcher Gegenstände bekannt ist oder sie dem selben abzuliefern.
Königl. 5. Bataillon (Cottbus) 2. Garde-Landwehr-Regiments
von Wedel
Oberstleutnant und Kommandeur
In der Nr. 70 desselben Blattes vom 29. August erschien dann noch folgende Bekanntmachung:
Der in der Nacht vom 23. zum 24. d. M. stattgehabte Schloßbrand bedrohte in höchstem Grade die Stadt. Es kam darauf an, vor Allem diese zu schützen, nachdem die Überzeugung gewonnen war, daß die brennenden Fabrikgebäude nicht mehr gerettet werden konnten. Wir fühlen uns verpflichtet, für die thatkräftige Hülfe zur Abhaltung des zu befürchtenden Unglücks sowohl der Bürgerschaft, als auch den aus der Umgegend herbeigeeilten Spritzenmannschaften unsern aufrichtigen Dank zu sagen.
Cottbus, den 27. August 1857.
Der Magistrat
Weitere auf den Schloßbrand bezügliche Bekanntmachungen oder Mitteilungen konnten wir in dem Jahrgang 1857 unseres Blattes nicht auffinden. Die Vernichtung des alten Schloßgebäudes gab aber dem damaligen Gymnasiallehrer Dr. H. Bolze Anlaß, in Nr. 71 vom 2. September 1857 einen Artikel "Zur Geschichte von Cottbus" zu veröffentlichen, auf den wir noch gelegentlich zurückkommen werden.
Quelle: „Cottbuser Anzeiger” vom Sonnabend, den 24. August 1907
