25. Januar 1884 - Tuchfabrik Georg Voigt

Dampfkesselexplosion in der Tuchfabrik von Georg Voigt

Voigt 1884
Originalabschrift


Voigt-1884      „Zu sehr ernster Thätigkeit wurde die Wehr am Freitag den 25. Januar 1884 Nachmittags 5¼ Uhr allarmirt - Ein schauerliches Bild der Verwüstung, das jeder Beschreibung spottete, bot sich dem Auge dar, der Dampfschornstein und das Kesselhaus waren vom Erdboden verschwunden, die übrigen Gebäude der betreffenden Grundstücke waren in der erheblichsten Weise beschädigt und theilweise vollständig zertrümmert.
Die Gebäude der Nachbarschaft hatten bis auf 500 Schritt im Umkreise mehr oder weniger gelitten, sowohl durch die colossale Erschütterung, als auch durch die umherfliegenden Kesselstücke, Ballen, Steine.
Ein Stück des explodierten Kessels, ca. 20 Ztr. schwer, war über das fünf Stockwerke hohe Fabrikgebäude geflogen, hatte dann in einer Entfernung von ca. 200 Schritt das Dach eines Wohnhauses und ein Theil des Giebels zertrümmert. Ein anderes Stück ca. 30 Ztr. schwer, war auf das Wohnhaus des Besitzers geschleudert und hatte dasselbe größtentheils zerstört.
Der vordere Theil des Dampfkessels und höchstwahrscheinlich auch glühende Kohlen aus der Feuerung waren in die Wolltrocknerei gerathen und hatten diese in Brand gesetzt, das Feuer wurde jedoch bald gelöscht.
Die Thätigkeit der Feuerwehr beschränkte sich daher hauptsächlich auf die Untersuchung des Trümmerhaufens nach verschütteten Menschen. Es konnte bald konstatirt werden, daß Menschen nicht weiter gesucht zu werden brauchten, denn sowohl die Todten, als auch die Verwundeten hatte man bald gefunden; auf der Stelle todt waren zwei Arbeiter und eine Arbeiterin aus der Fabrik, außerdem ein Schüler, welcher im Moment der Catastrophe auf der Straße vorbei passirt war.
Unter den Schwerverwundeten befand sich der Kesselheizer, sowie zwei Kinder, welche auf der Straße gespielt und durch heißes Wasser des explodierten Kessels arg verbrüht waren und dergleichen Verwundungen mehr.
Um 7¼ Uhr Abends stellte die Feuerwehr ihre Thätigkeit ein, da keinerlei Gefahr mehr gefunden werden konnte.
Nach einer Stunde wurde wieder allarmirt, es war in der im Fabrikgebäude parterre gelegenen Spinnerei durch irgend welche Zuffäligkeiten wieder feuer ausgebrochen, das jedoch im Entstehen gelöscht wurde.
Das Gros der Feuerwehr rückte bald wieder ab und eine Wache mit zwei Spritzen blieb nunmehr an der Unglückstelle und wie richtig diese Maßregel gewesen, zeigte sich bald, denn unter dem Trümmerhaufen brach wieder Feuer aus, welches sehr schwierig zu löschen war.
Voigt-1884 Dicht an die Hinterwand des zerstörten Kesselhauses grenzte eine Tischlerwerkstatt mit Bretterschuppen und Stallungen, auf diese war das Pappdach des Kesselhauses und Theile des eingestürzten Dampfschornsteines geschleudert und hatten die Nachbargebäude vollständig erdrückt und unter diesem Trümmerhaufen brannte die ziemlich bedeutenden Holzvorräthe, Kohlen u.s.w. des Tischlerschuppens.
Bei der großen Ausdehnung dieses brennenden Trümmerhaufens, begrenzt durch Gebäude, welche jeden Augenblick dem Einsturz drohten, war es unmöglich an eine Abräumung zu denken, es blieb daher unendlich schwierig, dem Feuer beizukommen und nur Schritt für Schritt konnte Terrain gewonnen werden, denn wenn das Feuer stellenweise gelöscht erschien, so drang dasselbe doch wieder durch.
Die brennenden Trümmer, Bretter, Kohlen u.s.w. entwickelten bei dem herschenden lebhaften Winde einen ganz colossalen erstickenden Qualm, der die Löschmannschaften so sehr belästigte, daß einzelnen Leuten buchstäblich der Athem ausging und sie betäubt an der Spritze umfielen.
Gegen 11½ Uhr Nachts schien es fast, als wenn das Feuer mit den vorhandenen 2 Spritzen und den bereits ermüdeten Mannschaften nicht lokalisirt werden könne, und die auf der Unglücksstätte anwesenden Herrn Staatsanwalt und I. Bürgermeister richteten wiederholt an den Oberführer Nommel das Ersuchen, die übrigen Feuerwehr-Mannschaften nochmals (zum dritten Male) allarmiren zu lassen, was jedoch abgelehnt wurde mit der Motivierung, daß einestheils das Feuer mit den vorhandenen Kräften unter allen Umständen gelöscht werden würde, und anderntheils die Bürgerschaft nicht nochmals durch erneuerten Feuerlärm in Aufregung versetzt werden sollte.
Mit Rücksicht hierauf, und um ganz sicher zu gehen, wurde nunmehr an den Herrn Oberst v. Egloffstein, damaliger Commandeur des 52. Inf. Regiment die Bitte um militärische Hülfe gerichtet, welche in der bereitwilligsten Weise gewährt wurde, denn alsbald erschien der Herr Oberst auf der Unglücksstätte und auf dem Fuße folgte ein Arbeits-Kommando von 60 Mann Soldaten, sichtlich erfreut bei solchen glücklicherweise selten vorkommenden Ereigniß ebenfalls hilfreiche Hand leisten zu können.
Bis 4 Uhr früh erforderte die vollständige Bekämpfung des Feuers die angestrengteste Thätigkeit der vereint arbeitenden Militär- und Feuerwehr-Mannschaften.

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Quelle: Originalabschrift - „Denkschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Freiwilligen Feuerwehr zu Cottbus” - 9. und 10. Juni 1888
Bildquelle: Album von P. Klar - Stadtarchiv Cottbus
letzte Aktualisierung 14.02.2010 ::: Impressum ::: Home ::: Sitemap